Stell dir vor…

Wir stossen gerade an viele Grenzen gleichzeitig. Mit Vollgas rasen wir über planetare Grenzen hinweg. Gleichzeitig öffnet sich die soziale Schere. Mehr und mehr Menschen leben in finanzieller Unsicherheit. Weil unser kapitalistische Wirtschaftssystem von Wachstum abhängig ist, werden Menschen als Arbeitskräfte und Biodiversität als Ressource weiterhin ausgebeutet.

Kein Wunder, dass sich in den letzten Jahren die Krisen häufen. Sie verstärken sich gegenseitig und drehen das Volumen für bestehende soziale Ungerechtigkeiten noch weiter hoch. Auf diesem Planeten zu leben, wird zu einer immer prekäreren Sache. Weitermachen wie bisher ist keine Option. Wir brauchen einen Systemwandel. 

Nun stell dir vor, es gäbe eine Möglichkeit, sowohl die ökologische Krise anzugehen, wie auch das Wirtschaftssystem schnell und kontrolliert umzuformen, soziale Ungerechtigkeiten zu bekämpfen und dabei als Gesellschaft um einiges glücklicher zu werden? Viele Forschende meinen, dass wir mit der Arbeitszeitverkürzung - also wenn wir weniger Stunden Lohnarbeit verrichten - eine solche Möglichkeit gefunden haben. 

Doch wie soll diese Reduktion genau aussehen? Wie muss die Verkürzung gestaltet sein, damit sie wirklich auf vielen Ebenen gleichzeitig sinnvoll ist?

Diesen Fragen sind Forschende der Uni Bern in der Studie “Weniger ist mehr – Der dreifache Gewinn einer Reduktion der Erwerbsarbeitszeit” nachgegangen. Diese Studie ist besonders interessant, da die Autor*innen sich darin auf die Resultate dutzender anderen Studien stützen und spezifisch die Schweiz betrachten. 

Das Forschungsteam der Uni Bern hat sich mit dem Verhältnis von Einkommen und Emissionen sowie Einkommen und Wohlbefinden auseinandergesetzt. Dabei stellen sie fest, dass ab einer bestimmten Einkommenshöhe die von der Person verursachten Emissionen besonders ansteigen, mehrheitlich aufgrund des massiven Konsums von Luxusgütern. (Schwarze Linie in der Grafik) Gleichzeitig sinkt auch ungefähr bei jener Einkommenshöhe das Wohlbefinden, da verschiedene Studien belegen, dass Geld statistisch gesehen nur solange “glücklich macht”, bis die Grundbedürfnisse gedeckt sind. (Rote Linie in der Grafik) 

Die Forschenden schlagen daher vor, dass Arbeitende, die ein Haushaltsäquivalent bis zu 100’000 Franken haben, einen vollen Lohnausgleich bei weniger Arbeit kriegen sollen. Menschen, deren Haushaltsäquivalent zwischen 100’000 und 180’000 Franken beträgt und damit über dem Medianwert liegen, sollen nach der Arbeitszeitreduktion einen abgestuften Lohnausgleich erhalten. Alle Personen, welche ein  Haushaltsäquivalent von über 180’000 Franken haben, sollen bei weniger Arbeit keinen Lohnausgleich kriegen. 

Das Haushältsäquivalent berechnest du, indem du das steuerbare Einkommen aller Mitglieder eines Haushalts zusammenzählst und die Summe durch die Anzahl Erwachsenen (mit dem Gewicht 1), Kinder ab 14 Jahren (mit dem Gewicht 0.5) und Kinder unter 14 Jahren (mit dem Gewicht 0.3) teilst. 

Quelle: https://www.stadt-zuerich.ch/prd/de/index/gleichstellung/indikatoren/armut/haushaltsaequivalenzeinkommen.html 

Um wie viel soll die Erwerbsarbeitzeit reduziert werden?

Dazu gibt es verschiedene Modelle: Im Klimaaktionsplan schlagen wir eine Reduktion von 41 schrittweise auf 24 Stunden pro Woche bis 2030 vor. Wie die übriggebliebene Erwerbsarbeit auf die Woche oder auch das Jahr verteilt werden soll, könnte je nach Arbeit unterschiedlich gestaltet werden. Vor über hundert Jahren kämpften die Arbeiter*innen beim Landesstreik für die 48-Stunden-Woche und heute wollen wir die 24-Stunden-Woche.

Doch wie soll dieser Lohnausgleich bezahlt werden?

Eine Arbeitszeitverkürzung finanziert sich selbst, denn sie ist der rechtmässige Lohn für die bereits geleistete Arbeit. Obwohl die Produktivität seit dem Landesstreik um ein Vielfaches gestiegen sind, stagnieren die Reallöhne seit Jahrzehnten und die Arbeitswoche hat sich in hundert Jahren nicht einmal um einen ganzen Arbeitstag verringert. Doch was ist denn mit dem Profit aus der massiv gesteigerten Produktivität geschehen? Dieser floss den zu einem grössten Teil den Allerreichsten zu. Eine Arbeitszeitreduktion korrigiert diese Ungerechtigkeit - zumindest teilweise.

Zur Finanzierung des Lohnausgleichs schlagen die Autor*innen der Berner Studie vor, dass diese als eine negative Steuer vom Staat bezahlt werden soll. 

Ein weiterer Vorschlag der Berner Studie ist es, nicht mehr Erwerbsarbeit, also Lohn, zu besteuern, sondern stattdessen Kapital und Vermögen, oder womöglich auch den Energieverbrauch einer Person zu besteuern. 

Die Vorteile 

Weniger Emissionen und Ressourcenverbrauch     

Wenn weniger gearbeitet wird, dann werden auch weniger Ressourcen verbraucht und die Emissionen sinken. Einerseits weil Menschen zum Beispiel nicht mehr jeden Tag pendeln müssen und weniger produziert wird, andererseits nimmt der Konsum von emissionsintensiven Luxusgütern durch die Reichsten unserer Gesellschaft ab. Die Berner Studie erklärt, dass auf jeden Fall Emissionen reduziert werden, wenn die Erwerbsarbeit reduziert wird. Doch die Grösse dieses Effekts hängt stark von der Art und Weise ab, wie Menschen ihre neue freie Zeit nutzen. Wenn Menschen mehr Zeit mit ihren Freund*innen und Familien verbringen, dann reduziert das mehr Emissionen, als wenn sie ihre Freizeit teuren SUVs widmen. 

Mit weniger Erwerbsarbeit gegen das Patriarchat. 

Eine Reduktion der Erwerbsarbeit wird von Feminist*innen seit Jahrzehnten gefordert. (z.B. von Frigga Haug) In unserem patriarchalen System wird Care-Arbeit - also alle Tätigkeiten, die pflegen, sorgen, erhalten, erziehen - insbesondere von Frauen getätigt und gleichzeitig zumeist nicht (oder äusserst schlecht) bezahlt. In der Schweiz wurden 2016 9.2 Milliarden Stunden bezahlt gearbeitet, während im Vergleich dazu im selben Jahr 7.9 Milliarden Stunden unbezahlte Haus- und Familienarbeit verrichtet wurde! Um diese zusätzliche Arbeit zu leisten, arbeiten tendenziell mehr Frauen in Teilzeitstellen und sind daher durchschnittlich finanziell schlechter gestellt. In der Schweiz zeigt sich diese Entwicklung besonders ausgeprägt, weshalb die Zeitschrift “The Economist” die Schweiz als eines der Länder Europas mit der grössten Ungleichheit zwischen den Geschlechtern einschätzt. Aus einer feministischen Sicht ermöglicht eine Erwerbsarbeitszeitverkürzung, eine gerechtere Verteilung der Sorgearbeit. 

… und weitere soziale Ungerechtigkeiten.

Momentan steigt die Produktivität, doch die Löhne der Arbeitenden werden kaum grösser. Das heisst von der immer anstrengender werdenden Arbeit profitieren nicht jene, welche dieser verrichten, sondern die Unternehmer*innen und Kapitalinhaber*innen. Wenn Menschen mehr Zeit bei gleichbleibendem Lohn und dazu weniger Gesundheitskosten/Steuern bezahlen müssen, steigert das die Lebensqualität enorm. Wenn der Lohnausgleich durch eine grössere Besteuerung von Kapital und Vermögen finanziert würde, könnte die soziale Schere zusätzlich kleiner werden. 

Menschen in Niedriglohnberufen sind oft von strukturellen Diskriminierungen wie zum Beispiel Rassismus und Fremdenfeindlichkeit betroffen. Wenn die Arbeitsbedingungen in diesen Jobs besser wird, profitieren daher gerade marginalisierte Personen.

Ökonom*innen erwarten einen Anstieg der Arbeitslosigkeit in den nächsten Jahren. Denn durch die technischen Möglichkeiten gehen mehr und mehr Jobs verloren. Gleichzeitig braucht das kapitalistische System Arbeitslose, damit möglichst genug Arbeitende sich in schlecht bezahlten Jobs ausbeuten lassen und der Profit wachsen kann. Arbeitslos zu sein, bedeutet in unserer Gesellschaft, mit einem grossen Stigma und unter viel Stress zu leben. Wenn wir Arbeit gerechter verteilen, können wir Arbeitslosigkeit verhindern. 

Bessere Gesundheit(ssysteme)

Laut dem Job-Stress-Index sind ein Drittel der Arbeitenden in der Schweiz emotional erschöpft und Burnouts sowie weitere psychische Beschwerden nehmen zu. Eine Erwerbsarbeitszeitreduktion und damit mehr Zeit könnte uns als Gesellschaft gesünder und glücklicher machen. 

Die Autor*innen der Studie aus Bern betonen ausserdem, dass es eine Verschiebung von Erwerbsarbeit nach arbeitsintensiven, doch nicht energieintensiven Berufen braucht. Arbeitsintensiv bedeutet, dass es viel menschliche Arbeit braucht und diese schlecht effizienter werden kann. Energieintensiv würde bedeuten, dass bei einer Arbeit ein grosser Ressourcenverbrauch entsteht. Unter der arbeitsintensiven, doch nicht energieintensiven Arbeit gehört die biologische Landwirtschaft, Kultur, Bildung und insbesondere Pflege- und Sorgearbeit. Die Arbeitszeitreduktion könnte also als Chance genutzt werden, um jene Arbeit in den Fokus zu setzen, welche wir für unser Wohlergehen dringend brauchen. Im Klimaaktionsplan schlagen wir daher eine Stärkung der Pflege und ein Ausbau unserer Gesundheits- und Betreuungsstrukturen vor.

Erste Schritte im Systemwandel

Arbeitszeitreduktion ist keine Zauberformel, die alles löst. Doch wenn sie bedacht angewendet wird und verschiedene Ebenen mitgedacht werden, ist eine Kürzung der Erwerbsarbeitszeit notwendig und sinnvoll. Mit dieser Massnahme können wir rasche und durchdachte Schritte in Richtung einer solidarischen und ökologischen Gesellschaft machen. 


Quellen