Wir erhalten immer wieder Nachrichten von Menschen, die uns sagen, dass ein Thema nicht "unser" Thema sei. Sie erwarten vom Klimastreik, dass er nur Themen anspricht, die einen sehr engen Fokus aufs Klima haben. Eine Bewegung könne jeweils nur ein "Kernthema" haben und eine Ergänzung oder Erweiterung dieses "Kernthemas" schade der Bewegung. Eine Entgegnung.

1) Die Idee, dass das "Kernthema" des Klimastreiks "Klima" in einem engen Sinn sei, beruht auf einem Missverständnis. Die Hauptfrage des Klimastreiks war von Anfang an diejenige, wie wir als Gesellschaft zu einer Art des Zusammenlebens gelangen, die einerseits verantwortungsbewusst und andererseits klimaverträglich ist. Das "Kernthema" ist somit der ökosoziale Wandel hin zu einer zukunftstauglichen Gesellschaft. Es ist aber richtig, dass der Klimastreik sein Themenrepertoire in den letzten Jahren erweitert hat. Dies ist jedoch nicht das Resultat einer Verwässerung der ursprünglichen Ziele und Forderungen, sondern von praktischen Erfahrungen und interner Bildung. Wir haben durch eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema Klimakrise festgestellt, dass die soziale Dimension des Problems sehr viel wichtiger ist, als gedacht. Wir mussten zudem einsehen, dass ein einseitiger, technischer Fokus auf die Reduktion von Treibhausgasemissionen sehr schnell zu neoliberalen und antisozialen Scheinlösungen führen kann, die es unbedingt zu verhindern gilt.

2) Einzelthemenpolitik hat sich in den letzten Jahrzehnten als eher schwach erwiesen.  Es zeichnet sich bereits ab, dass oberflächliche Elemente der Klimabewegung von grossen Unternehmen, Grossbanken und Politiker*innen übernommen werden, ohne aber die Inhalte ernst zu nehmen. Ein enger Fokus auf ein sehr stark eingegrenztes Thema erleichtert eine Vereinnahmung durch den Markt. Die sogenannten Klimabewegten sind dann für Wirtschaft und Politik bald nicht viel mehr als ein neues Kund*innen- oder Wähler*innensegment. Ein sehr enger Themenfokus vermittelt letztlich den Eindruck, dass sich nichts Grundlegendes verändern muss. Dies können wir uns aber nicht leisten. Es braucht ein breites Bewusstsein dafür, dass ein umfassender politischer, wirtschaftlicher und sozialer Wandel unbedingt notwendig ist. Und dies gelingt am besten durch einen Schulterschluss mit anderen Akteur*innen des Wandels.

Die Idee, dass wir einfach nur ein bisschen Treibhausgasemissionen reduzieren müssen und dass dies unabhängig von verwandten sozialen Fragen wie bspw. Gleichstellung, Antirassismus und Antiableismus geschehen kann, scheint für viele Menschen attraktiv zu sein. Dies ist verständlich, da das eigene Selbstverständnis weniger infrage gestellt werden muss. Doch wenn wir die Dringlichkeit der Lage und die Komplexität der Klimakrise ernst nehmen, kommen wir nicht umhin, ein Klima der umfassenden Veränderung zu schaffen und auch unser eigenes Verhältnis zum Bestehenden zu reflektieren. Denn wir dürfen keine Hintertür für Grosskonzerne, Grossbanken, Reiche und Mächtige offen lassen, um einen echten Wandel zu verhindern.
 

Quelle:


Huber, Marty: Love Attack. In: Fleischmann, Alexander u. Guth, Doris (Hg.): Kunst. Theorie. Aktivismus. Emanzipatorische Perspektiven auf Ungleichheit und Diskriminierung. Bielefeld 2015, S. 96.