Wir sind bereit, den Kanton Glarus zum Vorbild für die Schweiz zu machen

Wir sind bereit, den Kanton Glarus zum Vorbild für die Schweiz zu machen

«Klimajugend» ist das Deutschschweizer Wort des Jahres 2019. Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften schreibt, die Klimajugend hätte Biss, Schlagkraft und Ausdauer wie Greta Thunberg. Das trifft auch auf die Glarner Klimabewegung zu, von der ich Teil bin.

Anmerkung: Dieser Beitrag wurde von einer Einzelperson geschrieben und repräsentiert nicht die Meinung von Klimastreik Schweiz.

Seit Februar macht die Klimabewegung Glarus auf ihre Anliegen aufmerksam: die Ausrufung des Klimanotstands, Netto Null Treibhausgasemissionen bis 2030 und Klimagerechtigkeit. An den Forderungen hat sich im Laufe des Jahres nichts geändert. An den Reaktionen darauf schon. Während wir anfangs belächelt und sogar angefeindet wurden, änderten der Event «Klimakrise – Fakt oder Angstmacherei» im August und die Ständeratswahlen im Oktober einiges. Glarner*innen entwickeln ein Bewusstsein für den Klimawandel.

Mutlosigkeit beherrscht die Politik

Der Bundesrat hat beschlossen, die Emissionen bis 2050 zu eliminieren. Ob das reicht, ist fraglich. Auch der Landrat hat klimapolitische Geschäfte behandelt. Begonnen hat die Debatte mit der Abfuhr für die Windenergie in Glarus Nord aufgrund einer beispiellosen Kampagne der Windkraftgegner. Die Regierung strich die dafür vorgesehene Zone aus dem Richtplan. Noch bevor der Umweltverträglichkeitsbericht vorlag, knickte auch das Parlament ein. Danach stimmte der Landrat zwar der Stärkung des Energiefonds zu, doch die Vorstösse für eine Klimaschutzfachstelle und ein CO2-Management-System blieben erfolglos. Dasselbe gilt für das Postulat «Kantonale CO2-Kompensationsplattform» welches erst kürzlich vom Regierungsrat zur Ablehnung empfohlen wurde. Diese Entscheide der etablierten Politik signalisieren, dass sie die Interessen der jungen Bevölkerung zu wenig ernst nimmt. Der Aufschrei der vorwiegend jungen Menschen muss offenbar noch lauter werden. Die politischen Entscheide in unserem Kanton machen deutlich, dass es eine Klimalandsgemeinde braucht. Mit dem steigenden Klimabewusstsein der Menschen erhöht sich auch die Bereitschaft, mit der eigenen Unterschrift für eine ausserordentliche Landsgemeinde einzustehen. Der Einsatz dieses einzigartigen basisdemokratischen Instruments ist etwas Konkretes, was Glarnerinnen und Glarner für den Klimaschutz tun können.

Wandel steht vor der Tür

Die Wahl von Mathias Zopfi ins Stöckli zeigt, dass die Glarner Bevölkerung bereit ist, Umweltanliegen stärker zu gewichten. Doch die Wahl eines grünen Ständerates reicht nicht aus. Ob 2030, 2040 oder 2050: Die Treibhausgasemissionen müssen auf netto Null reduziert werden. Das bedeutet 600 Kilogramm Treibhausgasemissionen pro Person und Jahr. So viel kann die Biosphäre kompensieren. Dieses Ziel führt zu einer Änderung unseres Lebensstils. Bei 600 Kilogramm Treibausgasemissionen heizen wir nicht weiter mit Erdgas oder Erdöl und fahren keine benzin- oder dieselbetriebenen Autos mehr. Unser Konsumverhalten muss sich auch in den Bereichen Ernährung, Reisen und Abfall verändern. Dieser Wandel lässt sich kaum allein durch Gesetze erzwingen. Deshalb ist zum Beispiel die Bildung für nachhaltige Entwicklung einer der Bestandteile des Lehrplans 21. Nur: Er müsste auch konsequent umgesetzt werden. Zudem braucht es Vorbilder in der Gesellschaft. Wenn Menschen mit politischen Ämtern zum Beispiel den öffentlichen Verkehr benutzen oder sich vegan ernähren, hat das Signalwirkung.

 

Klimabewegung erzielt Erfolge

Die Glarner Klimabewegung hat das Heft selbst in die Hand genommen. Nebst zahlreichen Demonstrationen engagieren wir uns auch anderweitig. Warten bis die Politik aufwacht, ist keine Option. Denn bereits in acht Jahren ist das CO2-Budget für das 1,5-Grad-Ziel aufgebraucht. Alle Mitglieder im Regierungs- und Landrat erhielten einen handschriftlichen Brief, der auf die Sorgen rund um den Klimawandel aufmerksam machte. Einige Empfänger*innen folgten der Einladung zum Klima-Event mit Prof. Thomas Stocker. Die Aula der Kantonsschule war voll besetz mit Menschen, denen das Klima wichtig ist. Die Wahl von Mathias Zopfi zum ersten grünen Ständerat bestätigte dies. Auch bei weiteren Erfolgen redete die Glarner Klimabewegung mit. Der Auftritt von Denise Aepli an der Herbstgemeindeversammlung in Glarus hat dazu beigetragen, dass ein Energiefonds entsteht, wenn auch noch mit weniger Mitteln, als wir uns das vorstellen. Während zwar noch viele den bequemen Weg gehen und die Klimakatastrophe ignorieren, wachsen Zuspruch und Unterstützung für die Glarner Klimajugend. Die Baumpflanzaktion, die wir im kommenden April durchführen, ist ein Selbstläufer. Nebst Spenden haben sich Einzelpersonen, darunter auch Spezialist*innen aus dem Forstbereich, und Gruppen zur Mithilfe angemeldet. Das Klimaschutz-Projekt mobilisiert Menschen aus der ganzen Schweiz. Interessierte können sich noch bis Ende Jahr am Crowdfunding auf lokalhelden.ch beteiligen. Der erste gesetzte Baum wird Martin Vosseler gewidmet. Der Umweltaktivist lebte einige Zeit im Glarnerland und verstarb bei einem tragischen Verkehrsunfall in Basel.

Glarner Vorbild für die Schweiz

An Motivation und Einsatzbereitschaft mangelt es der Glarner Klimabewegung nicht. Bei Aktionen und Gesprächen mit verschieden Entscheidungsträger*innen und Förderer*innen einer lebenswerten Zukunft beteiligt sie sich an der Lösungsfindung. Zwischen Weihnachten und Neujahr treffen wir uns zu einem Workshop für einen klimafreundlichen Kanton Glarus. Auch 2020 kommen klimapolitische Entscheide aufs Tapet. Dazu gehört zum Beispiel das kantonale Energiegesetz. Die Klimajugend wird nicht müde, alle Entschiede der Politik auf deren Enkelfreundlichkeit zu prüfen und sich bemerkbar zu machen. Dabei bleiben wir offen für die Zusammenarbeit mit Entscheidungsträger*innen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Wer die gleichen Ziele anerkennt und sich dafür einsetzt, kann auf Unterstützung zählen. Wer den kurzfristigen Profit vor die lebenswerte Zukunft stellt, stösst auf Widerstand. Wir sind bereit, uns für unseren Planeten einzusetzen. Und wir sind bereit, den Kanton Glarus zum Vorbild für die Schweiz zu machen.

Angaben zur Autorin:

Lisa Hämmerli (26) studierte an der ETH Zürich Umweltnaturwissenschaften und ist Mitgründerin der Klimabewegung Glarus.