Uns läuft die Zeit davon

Uns läuft die Zeit davon

Die Jahre 1918, 1968, 1975 und die 1980-er haben vorgemacht, was Demonstrationen in der Schweiz bewirken können. Leider zeigte sich auch, dass die Schweiz für solche Veränderungen viel Zeit braucht. Zwar wurde beim Generalstreik 1918 die Forderung nach einer 48-Stunden- Woche nach wenigen Monaten erreicht, die erste AHV jedoch wurde erst 20 Jahre später, im Jahr 1948, ausbezahlt. Beim Frauenstimmrecht dauerte es gar bis 1971.

Anmerkung: Dieser Beitrag wurde von einer Einzelperson geschrieben und repräsentiert nicht die Meinung von Klimastreik Schweiz.

Über hundert Jahre später haben wir keine Zeit mehr jahrelang auf die Erfüllung unserer wissenschaftlich belegten Forderungen zu warten. Die Forscher warnen seit 40 Jahren vor dem Klimawandel. Die bereits vorhandenen Lösungen müssen vor dem Erreichen der Kipppunkte umgesetzt werden und das weltweit. Der Anteil an CO2 war seit 8 Millionen Jahren nicht mehr so hoch wie heute. Die Folgen davon haben das Potenzial ganze Bücher zu füllen. Die Jahre 2015, 2016, 2017 und 2018 waren die heissesten seit Messbeginn. Wissenschaftlich ist klar, dass der Mensch durch seine Emissionen nahezu vollständig dafür verantwortlich ist.

Wir sägen am Ast, auf dem wir sitzen. Wir reden von Rendite und Gewinnmargen, lassen aber ausser Acht, dass wir gerade dabei sind bei unserem Planeten Schulden zu machen, welche wir niemals zurückzahlen können. Wir reden über Altersvorsorge, aber dem Trümmerfeld, das wir den nächsten Generationen übergeben, wenn wir so weitermachen wie bisher, wird noch immer keine ausreichende Beachtung geschenkt.

Bereits als Kind hat mich der gesellschaftliche Umgang mit der Natur beschäftigt. Ich nahm ihn aber als unveränderliche Tatsache an. Niemals hätte ich gedacht, dass sich genug Menschen zusammenfinden, welche handeln. Der Klimastreik hat mir unheimlich viel Mut für die Zukunft gegeben. Er hat mich zu einem politikinteressierten Menschen gemacht. Ich sehe in der globalen Vernetzung ein riesiges Potential in der Bewegung. Besonders da dem Klimawandel nur Einhalt geboten werden kann, wenn alle Länder mitziehen und die zwingend notwendigen Massnahmen erlassen. Wie in der Schweiz, haben auch Wahlen in anderen Ländern gezeigt, dass eine Wende in Gang ist und vermehrt Politiker*innen gewählt werden, welche sich der Verantwortung, die sie tragen bewusst sind und diese auch wahrnehmen. Wir sind damit aber noch lange nicht am Ziel. 

Netto Null bis 2050 ist zwar schön und gut. Aber selbst, wenn alle Länder zu dieser Massnahme greifen würden, wäre es nicht genug. Wir würden die Kipppunkte trotzdem vor 2050 erreichen. Es braucht dringend weitgehende und vor allem konkrete Massnahmen, wie wir die Klima- und Umweltpolitik in den nächsten Jahren auf Kurs bringen. Es darf nicht sein, dass die Mehrheit im Parlament noch immer Selbstverständlichkeiten, wie die Konzernverantwortungsinitiative, um des Profits willen ablehnt. Umso wichtiger ist es, dass der Klimastreik weiterhin Druck auf die Politik ausübt und diese für Umweltbelange sensibilisiert. Es zeichnet den Klimastreik aus, dass wir mehr können als nur streiken. Wöchentlich finden von regionalen und nationalen Arbeitsgruppen Sitzungen für weitere Projekte statt. Für diese wird eng mit den Wissenschaftlern zusammengearbeitet. An erster Stelle steht für mich die kompetente Vermittlung des aktuellen wissenschaftlichen Standes zur Thematik. Längst sind es nicht mehr nur die Schüler*innen und Student*innen die auf die Strasse gehen, wie zahlreichen Gruppen wie «Eltern fürs Klima», «Grosseltern fürs Klima», «Scientists for future», «Teachers for future» und «Allianz Gesundheitsberufe fürs Klima» zeigen. 

Das Klima betrifft uns alle – und wir können das Problem nur alle gemeinsam lösen. 

Angaben zur Autorin

Sonja Estermann (26) Studentin Geschichte und deutsche Sprach- und Literaturwissenschaften. Mitredakteurin beim Klimablatt.