Nach mir die Sintflut?

Nach mir die Sintflut?

Schon in meiner Kindheit wurde mir in meinem Elternhaus vorgelebt, dass wir Menschen Sorge tragen müssen zur Natur, zur Mitwelt. Naturschutz wurde im Kleinen in unserem Garten gelebt, so retteten wir beispielsweise jeden Frühling Kaulquappen und Frösche vor dem sicheren Tod der Strassen und vor fehlenden Lebensräumen. Das war in den Siebzigerjahren. Und damals, in Zeiten von Wachstum und Effizienzsteigerung, wurde meine Mutter oftmals ausgelacht, weil sie den Garten und die Umgebung des Hauses konsequent naturnah und biologisch bewirtschaftete.

Die Zeit gab meiner Mutter Recht, ihr Garten ist heute ein ökologisches Paradies und die Dringlichkeit eines sorgsamen Umgangs mit der Natur und die Wichtigkeit der Produktion von biologisch angebauten Lebensmitteln ist aktueller denn je.

Später, als ich selber Kinder grosszog, wurde mir bewusst, in welch fragilem ökologischen Gebilde wir leben und wie zerstörerisch die profitorientierte Gesellschaft funktioniert. Je länger je mehr stört mich die egoistische Haltung vieler Menschen in dieser Konsum- und Leistungsgesellschaft. Es ist unser aller Mutter, die Mutter Erde, die derart gebeutelt wird! 

Ich will nicht nach dem Motto leben: Nach mir die Sintflut! Aktuell brennt der Amazonas und damit brennt nicht nur etwas Wald, sondern nein, unser Zuhause brennt! Wie können Regierungen dieser Welt es als dringlicher erachten, ein paar Handelsabkommen unter Dach und Fach zu bringen, als sofort die Zerstörung unser aller Zuhause zu stoppen! Wollen wir wirklich eine solche Politik unterstützen? Wir haben es in der Hand, bald sind auch Wahlen, zeigen wir da die rote Karte!

Für mich ist klar: Kapitalismus, Globalisierung und Umwelt sind eng miteinander verknüpft. Die Frage, wie wir Menschen diesen Planeten nutzen oder eben ausnutzen ist matchentscheidend für alle zukünftigen Generationen. Die Klimakrise ist da, die Folgen davon sind vielleicht teilweise noch versteckt oder diffus, aber sie sollten uns allen massiv zu denken geben. Die drastischen Veränderungen mit Dürren oder andererseits mit heftigen Stürmen und Unwettern sind nicht mehr schönzureden. All diese Auswirkungen und das zusätzliche Ansteigen des Meeresspiegels werden dramatische soziale Spannungen auslösen, Kriege, Flucht, Armut und somit auch Klassenkämpfe werden die Welt erschüttern.

Wir können uns diesen Tatsachen stellen und proaktiv an Alternativen arbeiten oder wir können weiterhin auf grossem Fuss leben und so tun, als wäre alles in bester Ordnung. Wir haben es in der Hand! Erfreulicherweise stelle ich fest, dass sehr viele Menschen die Sorgen um die Zukunft teilen.

Jede und jeder von uns kann und muss etwas zu einer Veränderung beitragen. Veränderung heisst ja nicht zwingend Verschlechterung. Aber es lohnt sich unsere Konsumhaltung, unsere Produktionsweisen und unsere Alltagsgewohnheiten zu überdenken. Ich persönlich versuche, mein Leben ökologischer zu gestalten. Dazu gehört der Verzicht auf tierische Produkte, auf ein privates Auto, auf Flugreisen. Ich versuche, möglichst plastikfrei, regional und saisonal einzukaufen und ich versuche, den persönlichen materiellen Besitz so klein als möglich zu halten. Solche Überlegungen und kleine Schritte können alle machen, das ist schon viel. Selbstverständlich braucht es aber ein gewaltiges Umdenken in Politik und Wirtschaft. 

Völlig unverständlich ist für mich auch dieser blanke Hass, der den nun politisch aktiven Jugendlichen, die sich mit Umweltthemen und Kapitalismuskritik auseinandersetzen entgegenschlägt. Was ist schlecht daran, wenn Jugendliche sich Sorgen machen um ihre Zukunft?

Ich finde den Ansatz interessant, dass sich viele der aktuellen weltweiten Probleme überschneiden und sich unter dem gemeinsamen Nenner Systemkritik zusammenfassen lassen. Ausbeutung jeglicher Art ist ein menschgemachtes Problem. Die Zusammenhänge sind vielfältig. Beispielsweise wird im Ökofeminismus dazu geforscht, inwiefern die Unterdrückung der Frauen und die Ausbeutung und Zerstörung der Natur kausal verbunden sind.

Für mich persönlich ist klar: Wir als gesamte Gesellschaft müssen unsere Verhaltensweisen ändern. Ich sehe das als Chance und nicht als Verlust und ich bin zuversichtlich, dass unsere nachfolgenden Generationen neue Wege beschreiten werden.

Sabine Szabo
47 Jahre jung
Polydesignerin 3D,
Buchillustratorin

Liebe Leserin, lieber Leser

Wir alle stehen vor einer gewaltigen Herausforderung, die ein ungeahntes Mass an globaler Kooperation zu ihrer Lösung erfordert. Es ist eine Zeit des Um- und hoffentlich bald auch des Aufbruchs. Die Klimaportraits stellen den Anspruch dar, den Stimmen aus der Mitte unserer Gesellschaft eine Plattform zu bieten, um über ihre Ängste, ihre Wünsche, Hoffnungen und Forderungen in einer Welt des raschen (Klima)Wandels zu sprechen. Menschen wie Du und ich erzählen, wie sie in ihrem Alltag mit den Einflüssen der Klimakrise umgehen und wie sie diese Erfahrung prägt.

Mit unserer Portrait-Reihe möchten wir aufzeigen, dass die Klimakrise für viele Menschen bereits Einzug in ihren persönlichen Alltag gehalten hat und nicht bloss ein abstraktes Problem der Wissenschaft ist.

Diesen Herbst wählen wir ein Parlament, welches in den nächsten vier Jahren die nötigen Entscheidungen treffen muss, um diese Herausforderung in den Griff zu bekommen. Wir alle sind deshalb in der Pflicht, unsere Stimme gewissenhaft abzugeben und Personen zu wählen, die dieser Aufgabe gewachsen sind.