Gefühle. Eindrücke. Klimastreik.

Gefühle. Eindrücke. Klimastreik.

Denken wir zurück. Denken wir zurück in den Dezember. Vor einem Jahr.

Ich war politisch schon geprägt, habe mich engagiert und versuchte einen Weg zu finden. Einen Weg mit Ziel, einen Weg mit Ergebnissen. Doch ich war gefangen in einem System der realpolitischen Langsamkeiten und der Verharmlosungen und Gelassenheiten gegenüber einer Krise. Die wahre Grösse dieser Krise wurde durch dieses System unterdrückt, in unseren Köpfen, wir konnten sie nicht richtig kennenlernen, auch wenn wir sie gespürt haben. 

Aber dann kamen die Momente, in denen die Welt sich wunderte, dass junge Menschen die Krise kennenlernten. Sie wunderte sich so stark, dass sie uns gleichzeitig mit aufbauten durch ihre Empörung.  Zuerst die grossen Städte und auch wenn Schaffhausen noch schlief, standen auch wir, nach gut einem Monat auf. 

Es begann einfach und digitalisiert: Ein Chat, überzeugte Menschen, eine Sitzung, aufgeschnapptes Wissen. Wir wurden schnell mehr, gingen aber doch mit Angst auf den Fronwagplatz zum ersten Streik, mit der Angst, die Bewohner*innen der kleinen Stadt nicht zu überzeugen.

Aber sie schafften es, sie bewegten sich von ihren Schreibtischen und Schulbänken weg, besuchten uns – von Primarstufe bis Altersheim, wir waren viele. Wir spürten die Freude, die Menschen und genossen die Kraft der Bewegung. 

Die Emotionen waren gross und der Adrenalinspiegel machte alles noch grösser. Eine neue Erfahrung sondergleichen, es würde lange nicht die Letzte gewesen sein, in einem Jahr, das kürzer nicht hätte scheinen können. Plötzlich wurden Situationen normal, Situationen die einem davor nicht in den Kopf gekommen wären. 

Der Klimastreik als Bewegung nahm seinen Lauf, mit Tiefs und Hochs, und auch wir nahmen unseren Lauf. Wir lernten, wir stritten, wir freuten uns und wir realisierten immer schneller, in welchen Dimensionen wir kämpfen und was wir bewirken. Konnten.

Die Reaktionen: Wir seien übermütig, wir seien selber das Problem, wir würden doch nur gegen den Strom kämpfen.

Ihr seid mutig, auf diesen Moment warteten wir Jahrzehnte, ihr erreicht was wir nicht schafften, ihr macht das Richtige, wir finden euch toll.

Meine Erfahrungen wuchsen, ich arbeitete auf nationaler Ebene mit, später auf Internationaler – wir organisierten einen Extrazug nach Aachen. Für uns und fünfhundert andere Aktivistis. Ein weiterer Moment, der mir die Motivation und Menschen dieser Bewegung noch näher brachte. Es war eine Unvergesslichkeit für sich, das Fallenlassen von allen Ängsten und Sorgen der Wochen davor. Gleichzeitig war dieses Ereignis auch der Beginn einer zeitweiligen Demotivation und Trägheit –  ausgelöst durch dieses abrupte Ende, nachdem wir so lange darauf hingearbeitet haben. Ich hoffe, ich bin mit mindestens Anflügen solcher Gefühle nicht alleine.

Zum Glück konnte ich diesen Zustand hinter mir lassen, als ich am SMILE in Lausanne, wieder die wahrhaftigen Freuden, Schwierigkeiten und Diversitäten unserer Bewegung spüren und erleben konnte. Eine Woche. Menschen von überall. Ein Versuch, die Zukunft unserer Erde zu gestalten, mit wenig Schlaf, vielen Erfahrungen und einer einmaligen Woche.

Es wurde wieder ruhiger. In meinem Leben, aber auch um uns, die Bewegung.

Die Parolen schienen ausgelaugt und für die Medien wurden wir wieder unspektakulär. Der Klimastreik war in unserer Gesellschaft angelangt, längst Normalität. Auch keine Vorwürfe mehr ich würde die Schule schwänzen. Allerhöchstens wurde die Klimakrise ganz geleugnet. Das Zwischendrin verschwand – oder wurde leise. 

Zwei, drei Monate.

Bern.

Ruhig und wieder laut, zwanzigtausend, nein sechzigtausend, hunderttausend. 

Wir waren viele, eine Zahl mit verdammten fünf Nullen. Nie vorher konnten wir so viele Menschen auf den Strassen hören. Gefühle einer Gemeinschaft aller Menschen. Begegnungen mit Lehrern, Sportfreund*innen, Familienmitgliedern, mit wirklich Allen.

So zog sich der Elan auch gleich weiter, zwar zurück auf realpolitischen Boden. Einerseits in die traurige Realität, andererseits in das Momentum, in welchem wir unseren Erfolg in Zahlen lesen konnten. Die Wahlen – Freude für kurze Zeit.

Dann, die GLP, und die COP. Versprechen ohne Hoffnung, ohne Bestätigung, ohne Alternativen zur Katastrophe.

 

Liebe, vom Anfang bis Jetzt, Verbundenheit und Freundschaften.

Ein stetiger Wegbegleiter mit Folgen, mit Gefühlen, Mühsamkeiten aber vor allem Glück. Ein Wegbegleiter der definitiv immer irgendwie dabei ist.

Zwölf Monate wie keine zuvor. Dutzende Menschen, die man schon seit Jahren kennen könnte. Eine unvergessliche und hoffentlich anhaltende Zeit – für immer.



Angaben zum Autor

“Gianluca Looser ist Gymnasiast und spricht nicht gerne von sich in der dritten Person. Wahrscheinlich ist er auch Mensch, denke ich zumindest. Er denkt es.”