Der Klimastreik: Auf den Spuren der 68er

Der Klimastreik: Auf den Spuren der 68er

Als in den sechziger Jahren Studierende in aller Welt auf die Strasse gingen, um sich für eine progressive Gesellschaft einzusetzen, taten sie dies, um den «Muff von 1000 Jahren unter den Talaren» der Professor*innen auszulüften. Ob es Zufall oder Schicksal ist, dass nun fast genau ein halbes Jahrhundert später, im Jahre 2019, die Klimastreik-Bewegung weltweit Fuss fassen konnte, mag jede*r für sich selbst beurteilen; fest steht jedenfalls, dass sie das Potenzial hat, in ihrer Wirkung mit der Student*innenbewegung von 1968 gleichzuziehen.

Anmerkung: Dieser Beitrag wurde von einer Einzelperson geschrieben und repräsentiert nicht die Meinung von Klimastreik Schweiz.

Die Studierenden kämpften Ende der 60er-Jahre gegen den omnipräsenten patriarchalen, antidemokratischen und unmodernen Zeitgeist, der nicht nur in Deutschland eine Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen verhinderte. Auch in der Schweiz von damals war Progressivität ein Fremdwort, um mit dem fehlenden Frauenstimmrecht ein fundamentales Beispiel zu nennen. Stand damals oft Protest im Vordergrund, so wohnt dem Schweizer Klimastreik zwar auch ein starkes protestierendes Element inne, doch ist er gleichzeitig weit mehr als eine reine Protestbewegung.

Kern des Klimastreiks sind nach wie vor die Streiks und Demonstrationen, die im vergangenen Jahr zahlreich, auch im Rahmen globaler Aktionen, organisiert worden sind und abertausende Personen in zahlreichen Schweizer Städten immer wieder auf die Strasse brachten. Die nationale Klimademo, bei der sich im September an die 100’000 Menschen in der Bundeshauptstadt versammelten, war dabei sicherlich eine der beeindruckendsten Zusammenkünfte. Massgeblich für die sich wiederholende erfolgreiche Mobilisierung von so vielen Menschen ist die Struktur in Regionalgruppen, welche Demonstrationen in der ganzen Schweiz organisieren, anmelden und durchführen. Wie alle Personen arbeiten auch die Personen in den Regionalgruppen ausschliesslich ehrenamtlich.

Wenngleich der intragenerationale Zusammenschluss bei den Protesten immer unübersehbar ist, vor allem, wenn Familien von Jung bis Alt zusammen protestieren, so ist die Bewegung doch hauptsächlich von jungen Menschen getragen, denen in der Vergangenheit immer wieder politisches Desinteresse vorgeworfen worden ist – und dass sie mit ihrem Einsatz nun auf schöne Weise widerlegen. Dabei schreckt der Klimastreik auch nicht davor zurück, die (Eltern-)Generationen, die auf den Errungenschaften der 68er-Bewegung ihren Wohlstand erarbeiteten, darauf hinzuweisen, dass dieser Wohlstand lediglich auf hölzernen Füssen steht: Ein Wirtschaftssystem, das auf der konstanten Ausbeutung der natürlichen Ressourcen beruht, ist mittlerweile an seine Grenzen gestossen. 

Parallel dazu schaffte es die Bewegung, die Protestelemente auch für konstruktive inhaltliche Arbeit zu nutzen; ein bedeutender Erfolg des vergangenen Jahres. Davon zeugen unter anderem die Arbeitsgruppen, die einzelne Themenbereiche bearbeiten und deren Ergebnisse anschliessend in einem sogenannten «Climate Action Plan» zusammengefasst werden sollen. Während sich dieser Plan noch in Ausarbeitung befindet, hat die Bewegung aber bereits konkrete Forderungen ausformuliert, die es braucht, um die im «Paris Agreement» ausgehandelten Ziele einzuhalten. Dass sich diese objektivieren lassen, da sie auf klimawissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen, hat dabei sicher geholfen, die Bewegung in breite Teile der Gesellschaft zu tragen. 

Dass der Klimastreik konsequent demokratische Teilhabemöglichkeiten nutzt, basisdemokratisch organisiert ist und stets gewaltfrei agiert, hat freilich ebenfalls zu seinem Erfolg beigetragen und seine Aktionen legitimiert. Diese Prinzipien sollten ihn auch 2020 leiten. Dass er dabei zeitweise geradezu zahm wirkt, wenn man sich die provokativen und auf zivilem Ungehorsam beruhenden Aktionen der 68er in Erinnerung ruft, mögen manche kritisieren; anderen erachten dies hingegen als äusserst wichtig, wenn eine strukturkonservative Gesellschaft wie die Schweizerische so radikal reformieren möchte. Die Ironie des Schicksals ist wohl eher, dass die liberal-konservative Presse in der Bewegung «linksradikale Kräfte» erkennen mag, weil diese es wagen, auf wissenschaftliche Erkenntnisse (Jackson & Victor 2019; Hickel & Kallis 2019) hinzuweisen; nämlich, dass eine Abkehr von der Wachstumswirtschaft mit ihrem BIP-Fetischismus notwendig ist, um das Ökosystem des Planeten nicht unwiderruflich zu zerstören.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Erfolg des Klimastreiks (welcher sich auch in den Wahlergebnissen zum Nationalrat gezeigt hat), auf einer Vielzahl von Faktoren beruht: Ehrenamtliche Arbeit zahlreicher Personen, eine effiziente und basisdemokratische Organisation sowie eine konsequente Orientierung an demokratischen Werten. Dadurch hat er es geschafft, breite Teile der Schweizer Gesellschaft auf die Klimaproblematik aufmerksam zu machen und es dabei gleichzeitig nicht vergessen, Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

Viele der Ziele der 68er-Bewegung wurden verfehlt; ihr Erfolg war viel eher ein langfristiger Wertewandel, der die Gesellschaft(en) massgeblich veränderte. Dass es solch einen Wertewandel auch in Bezug auf Natur und Klima geben muss, steht ausser Frage. Doch dies alleine wird nicht ausreichen, um die Klimakatastrophe aufzuhalten; dafür braucht es konkrete politische Massnahmen. In diesem Sinne ist die Klimastreik-Bewegung gewissermassen zum Erfolg verdammt, denn auf langfristige, abstrakte Veränderungen kann sie sich nicht verlassen.

Und was heisst das alles für 2020? Dass der Klimastreik Schweiz, trotz geringer konkreter politischer Massnahmen auf nationaler oder internationaler Ebene, nicht von seinem Weg weichen darf, sich für eine klimaneutrale Gesellschaft einzusetzen und – und dies ist besonders wichtig – dass es sich die Bewegung trotz gebotener Eile erlauben muss, Fehler zu machen. Denn eine moderne, klimaneutrale Gesellschaft ist schlichtweg neues Terrain, und den Weg dorthin gibt es nicht ohne Umwege, es ist und bleibt ein Suchprozess – ein Suchprozess, den der Klimastreik auch weiterhin als zentrale Kraft in der Schweiz vorantreiben muss.

Literatur

Jackson, Tim & Peter A. Victor 2019. Unraveling the claims for (and against) green growth. Science  22, Vol. 366, Issue 6468, pp. 950-951. DOI: 10.1126/science.aay0749. 

Hickel, Jason & Giorgos Kallis 2019. Is Green Growth Possible? New Political Economy. DOI: https://doi.org/10.1080/13563467.2019.1598964

Angaben zum Autor

Leonard Creutzburg (27) ist Mitbegründer von Post-Growth Zürich und doktoriert an der ETH Zürich und der Universität Zürich in Wirtschaftsgeographie.