Die Physik wartet nicht auf uns

Die Physik wartet nicht auf uns

Vom durch Menschen verursachten CO2 in der Atmosphäre wurde die Hälfte seit 1960 durch meine Generation produziert, was man bereits Mitte 80er Jahre als Problem zu begreifen begann. Also isolierten wir unser altes Bauernhaus, ersetzten die Ölheizung durch eine Wärmepumpe, produzieren mit der Photovoltaik auf dem Dach 90% unseres Strombedarfs und nutzen den ÖV wann immer möglich.

Leider mussten wir einsehen, dass dies bei Weitem nicht genügt. Der globale reine CO2-Ausstoss pro Jahr nimmt weiter zu (aktuell 35 Mia. Tonnen oder 4,5 Tonnen pro Erdeinwohner*in). Allen steht es frei, noch eine Tonne CO2 mehr in die Atmosphäre zu blasen, dazu reicht der Verbrauch von ca. 400 l Heizöl, Benzin, Diesel oder Kerosin.

Die harten Gesetze der Physik (und der Chemie) bestimmen dann allerdings, was mit dieser Tonne weiter geschieht und wie sie das zukünftige Klima beeinflusst. Dies ist absolut unabhängig von Fake News, Bauchgefühlen oder schönen politischen Kompromissvorschlägen, kann aber dafür ziemlich genau berechnet werden: ohne radikale Reduktion des CO2-Ausstosses steigt die mittlere Temperatur bis Ende Jahrhundert um 4 Grad verglichen mit 1890 – so viel ist sie seit dem Minimum in der letzten Eiszeit vor ca. 20’000 Jahren bis 1890 gestiegen. Wir alle bewegen uns immer schneller, aber in Richtung Ende einer Sackgasse.

Mit der Geburt der ersten Enkelin denkt man langfristiger – wird sie es um 2090 ähnlich gut haben wie ich jetzt? Oder muss sie mit chaotischen Verhältnissen fertig werden (schwindender sozialer Zusammenhalt, Anarchie, Zerfall unserer Zivilisation, mehr “failed states” und faschistische Diktaturen, Kriege um Ressourcen), falls sie dies überhaupt noch erlebt?

Und da taucht aus dem Nichts eine schwedische Schülerin auf, welche freitags die Schule schwänzt und damit eine Lawinen-Bewegung auslöst, welche die politische und gesellschaftliche Landschaft je länger je stärker verändert. Mehr als 25’000 meist europäische Wissenschaftler*innen haben eine Erklärung unterschrieben, welche die Ziele dieser Bewegung ohne Vorbehalt unterstützt. Klar, dass wir hier mitmachen, es könnte die letzte Chance für eine stabile und nachhaltige Zukunft der Menschheit werden.

Dies wird kein Sonntagsspaziergang, weil wir viele selbst geschaffene Abhängigkeiten und viele Gewohnheiten reduzieren oder ganz loswerden müssen. Die CO2-Bilanz der letzten 20 Jahre “freiwilliger” Einschränkung zeigt, dass ohne staatliche Eingriffe das Ziel von maximal 2 Grad (viel sicherer wären 1.5 Grad) nicht erreichbar ist.

Für 600 SFr. kann die oben erwähnte Tonne CO2 heute wieder zurückgeholt und in einem Tank gespeichert werden, zusätzliche Kosten für die Endlagerung nicht inbegriffen. Es wäre vernünftiger, den fossilen Kohlenstoff (Kohle, Erdöl, Erdgas) dort in Ruhe zu lassen, wo er seit mehr als 300 Mio. Jahren liegt und dies je früher, desto besser. Langfristig gesehen ist dies sowieso billiger, als die durch ihre Verbrennung verursachten Treibhausgase wieder aus der Atmosphäre zurückzuholen!

Haben wir dann noch genügend nachhaltige Energie für alle? Ja, die global eingestrahlte Sonnenenergie reicht bei weitem aus: mit 1 bis 2% der gesamten Landfläche der Erde könnte der heutige Weltenergiebedarf abgedeckt werden, dies ist weniger als die Fläche aller Städte zusammengenommen. Einige quadratische Flächen von 1000 km Kantenlänge in Wüstengebieten genügen, die Technik dazu existiert seit langem. Die Kosten für diese Umstellung dürften ein Vielfaches des jährlichen globalen Militärbudgets betragen (aktuell ca. 1’800 Mia. Sfr, Tendenz zunehmend). Die direkten jährlichen Subventionen für fossile Brennstoffe betragen global 500 Mia. Sfr, die indirekten (Berücksichtigung der Umweltkosten) 10 Mal mehr. Die Schweiz wird weiterhin von importierter Energie abhängig bleiben, aber das ist sie schon seit ca. 1860 (Kohle, dann Erdöl, dann Erdgas).

Hauptproblem bleibt der Umbau von Weltwirtschaft und -politik, mit anderen Worten geistige Trägheit, Kurzzeitoptimierung und Sitzenbleiben auf Privilegien der Entscheidungsträger*innen.

“Fridays For Future” (in der Schweiz “Klimastreik”) hat in nur einem Jahr vor allem in Europa unerwartet viel erreicht, hat mit viel Mut, Fantasie und persönlichem Einsatz gewaltfrei die öffentliche Meinung für das Problem Klimakrise sensibilisiert. Jetzt geht es darum, sich für alle Menschen zu öffnen, auf sie zuzugehen und sie zum Handeln zu motivieren.

Tu auch Du das, engagiere Dich – unsere Nachkommen werden uns dankbar sein.

Hansjörg Keller
60+, Physiker & Informatiker
im (Un-)Ruhestand

Liebe Leserin, lieber Leser

Wir alle stehen vor einer gewaltigen Herausforderung, die ein ungeahntes Mass an globaler Kooperation zu ihrer Lösung erfordert. Es ist eine Zeit des Um- und hoffentlich bald auch des Aufbruchs. Die Klimaportraits stellen den Anspruch dar, den Stimmen aus der Mitte unserer Gesellschaft eine Plattform zu bieten, um über ihre Ängste, ihre Wünsche, Hoffnungen und Forderungen in einer Welt des raschen (Klima)Wandels zu sprechen. Menschen wie Du und ich erzählen, wie sie in ihrem Alltag mit den Einflüssen der Klimakrise umgehen und wie sie diese Erfahrung prägt.

Mit unserer Portrait-Reihe möchten wir aufzeigen, dass die Klimakrise für viele Menschen bereits Einzug in ihren persönlichen Alltag gehalten hat und nicht bloss ein abstraktes Problem der Wissenschaft ist.

Diesen Herbst wählen wir ein Parlament, welches in den nächsten vier Jahren die nötigen Entscheidungen treffen muss, um diese Herausforderung in den Griff zu bekommen. Wir alle sind deshalb in der Pflicht, unsere Stimme gewissenhaft abzugeben und Personen zu wählen, die dieser Aufgabe gewachsen sind.

#eusizuekunft #diniwahl #VoteForClimate