Handeln ist die einzige Option

Handeln ist die einzige Option

Der Winter ist eine schwierige Zeit für mich. Die Kälte und Dunkelheit bekommen mir nicht. Umso mehr geniesse ich den Frühling, das Aufblühen, das Widererstarken der Pflanzen. In diesem Frühling aber überkam mich ein Gedanke: Was ist, wenn es in Zukunft keinen Frühling mehr geben wird? Wenn zwar die Temperaturen nach den kalten Monaten steigen, wegen anhaltender Trockenheit aber keine Pflanzen mehr spriessen? Hilflosigkeit, Angst, aber auch eine gewisse Traurigkeit begleiten mich seither. Für mich wurde der «Klimawandel» mit dieser Überlegung plötzlich greifbar, bahnte sich seinen Weg in meine Lebensrealität, obwohl ich bereits zuvor über die Problematik Bescheid wusste und sich eigentlich nichts geändert hatte.

Wenn ich jetzt bei rekordhohen Temperaturen im Büro arbeite oder wegen verformten Gleisen vergebens auf den Zug warte, muss ich daran denken, dass es nicht mehr aufhören wird. Die sommerliche Hitze und Regenarmut gehen nicht vorüber, sie sind Teil unserer Zukunft. Daher macht es keinen Sinn, in der jetzigen Lage lange nach den Schuldigen zu suchen. Das Klima hat sich geändert und es wird nicht besser werden. Uns bleibt nur, einen Weg zu finden, damit zu leben und es nicht noch schlimmer werden zu lassen. Das ist Realität und nur wer sie anerkennt, kann sich auf das Kommende vorbereiten.

Heute weiss ich, es wird wahrscheinlich auch in Zukunft einen Frühling geben. Schliesslich fällt der meiste Regen im Winterhalbjahr, eine Trockenheit zu Jahresbeginn ist also nicht zu erwarten.  Aber das hilft den Wäldern nicht, wo Bäume mit den Folgen der letztjährigen Wasserknappheit ringen, während wir auf einen weiteren heissen und trockenen Sommer zusteuern. So werden wir in den kommenden Jahren wahrscheinlich nach dem Winter eine andere Pflanzenwelt erwachen sehen, als jene, mit der ich aufgewachsen bin. Die Natur findet einen Weg, aber sie nimmt keine Rücksicht auf die Menschheit. Wir werden einen lebenswerten Platz in einer von uns geschaffenen, neuen Welt finden müssen, denn die Erde kann gut ohne uns, wir aber nicht ohne sie.

Wir wissen nicht mit Sicherheit, was noch alles kommen wird. Einige Gebiete sind wahrscheinlich bereits verloren, sie werden unter dem steigenden Meeresspiegel verschwinden, oder durch Regenarmut und Gluthitze zum lebensfeindlichen Ort werden. Auch wenn wir in der Schweiz privilegiert sind und uns diese Katastrophen nicht bevorstehen, so werden wir nicht ungeschoren davonkommen. Die letzten rettenden Inseln sind begehrt, gerade wenn Millionen von Menschen ihre Heimat verlassen müssen. Wir werden sie vor der Tür haben, verzweifelt und ohne eine Möglichkeit zur Rückkehr. Migration ist nicht eine Ursache des Klimawandels, sondern eine seiner Folgen. Davon abgesehen muss sich unsere Landwirtschaft an die neuen Begebenheiten anpassen. Neue Schädlinge, Wassermangel, Hitze, es braucht neue Lösungen. Bäuerinnen und Bauern suchen und finden sie bereits, aber es ist nicht einfach und nicht alle beteiligen sich daran. Es braucht das Engagement jeder/s Einzelnen und in allen Bereichen und Branchen, damit wir ein lebenswertes Dasein in der Zukunft führen können. Dazu müssen wir uns anpassen und gleichzeitig unser Tun endlich auf echte Nachhaltigkeit ausrichten. Wir wissen, was es zu tun gilt – lasst uns handeln!

Jil Schuller
24 Jahre jung, Pflanzenökologin & Journalistin

Liebe Leserin, lieber Leser

Wir alle stehen vor einer gewaltigen Herausforderung, die ein ungeahntes Mass an globaler Kooperation zu ihrer Lösung erfordert. Es ist eine Zeit des Um- und hoffentlich bald auch des Aufbruchs. Die Klimaportraits stellen den Anspruch dar, den Stimmen aus der Mitte unserer Gesellschaft eine Plattform zu bieten, um über ihre Ängste, ihre Wünsche, Hoffnungen und Forderungen in einer Welt des raschen (Klima)Wandels zu sprechen. Menschen wie Du und ich erzählen, wie sie in ihrem Alltag mit den Einflüssen der Klimakrise umgehen und wie sie diese Erfahrung prägt.

Mit unserer Portrait-Reihe möchten wir aufzeigen, dass die Klimakrise für viele Menschen bereits Einzug in ihren persönlichen Alltag gehalten hat und nicht bloss ein abstraktes Problem der Wissenschaft ist.

Diesen Herbst wählen wir ein Parlament, welches in den nächsten vier Jahren die nötigen Entscheidungen treffen muss, um diese Herausforderung in den Griff zu bekommen. Wir alle sind deshalb in der Pflicht, unsere Stimme gewissenhaft abzugeben und Personen zu wählen, die dieser Aufgabe gewachsen sind.

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