Fuck.

Fuck.

Der Klimastreik war 2019 in aller Munde. Während Millionen auf den Strassen demonstrierten, geschah in der Klimapolitik sichtlich wenig. Im nächsten Jahr muss der Klimastreik sich mit allen anderen sozialen Kämpfen verbinden, um seine Schlagkraft nicht zu verlieren.

Anmerkung: Dieser Beitrag wurde von einer Einzelperson geschrieben und repräsentiert nicht die Meinung von Klimastreik Schweiz.

2019 war ein besonderes Jahr in der Klimadebatte. Greta erhielt ungefähr jeden existierenden Preis, ausser den Nobelpreis, aber man kann ja auch nicht alles haben. Über sieben Millionen Menschen waren auf der Strasse. Jede Person, also wirklich jede Person, musste Stellung beziehen: Merkel, das Trumpeltier, der Papst, sogar die Queen konnte sich nicht drücken. Sie dankten für unseren starken Druck, für die Hoffnung und flogen dann an irgendeinen Gipfel oder einfach nur in die Ferien – auf Hawaii oder eine Privatinsel in der Karibik. Man gönnt sich ja sonst nichts in dieser klimahysterischen Welt.

In diesem Jahr, da haben die Mächtigen der Welt endlich die Dringlichkeit des Problems erkannt. Sie haben grossartige Reden gehalten mit vielen Adjektiven und gut formulierten Sätzen. Sie haben Klimapakete geschnürt, Netto-Null-Ziele beschlossen, Klimanotstände ausgerufen – und Pipelines bewilligt. Die Wirkung der verabschiedeten Massnahmen ist so effektiv wie die von Globuli: Sie geht nicht über den Placebo-Effekt hinaus. Nein ehrlich, WTF. Da gehen Millionen Menschen auf allen Kontinenten, sogar in der Antarktis, auf die Strasse, Tausende blockieren Kohlegruben, Häfen, Strassen und Banken. Und was geschieht: Erstmalige Überschreitung von 415 ppm CO2 in der Luft, Waldbrände auf jedem fucking Kontinent, die Antarktis dieses Mal ausgenommen, Überschwemmungen und Hurrikans mit mehr Toten als bei 9/11.

Doch ich will hier nicht in Pessimismus versinken. Vor einem Jahr, da kam ich zurück von der Weltklimakonferenz in Kattowitz – ziemlich wütend, weil, naja, ist halt eine Klimakonferenz. Dann rief Greta zum globalen Klimastreik am 14. Dezember auf. 500 standen am Freitag auf Zürichs Strassen, ich sass im Deutschunterricht. Aber die Bilder sahen ziemlich nice aus. Das Gefühl von Hoffnung kam auf. Am 21. Dezember waren wir wieder auf der Strasse in Zürich, Bern, Basel und St. Gallen. Und wir waren so richtig angepisst von dieser Klimapolitik, also eigentlich nicht von der Klimapolitk, weil es die ja gar nicht gab. Egal, wir wollten einfach, dass das Pariser Abkommen endlich umgesetzt wird – ist eigentlich eine ziemlich simple Botschaft. Wir mussten danach viel über Plastikröhrchen und unseren Fleischkonsum reden. Aber hey, wir erhielten Aufmerksamkeit. War auch nicht besonders schwierig. Die Medien warteten gierig auf eine Jugendbewegung.

In den nächsten Monaten brachten wir immer mehr Menschen auf die Strasse, immer mehr Jugendliche aus immer mehr Ländern verwandelten ihre Wut in die Organisation von Streiks und Demos. Wir führten in der Bewegung richtig tolle Debatten und Gespräche über die Demokratie und unsere Utopien. Unser erstes nationales Treffen fing mit dem Aufruf für eine zweite Aufklärung an. Wir setzten uns mit allen möglichen Theorien auseinander, schickten uns Berichte, Texte, Bücher und Filme zu. Bildung ist wichtig, auch wenn wir die Schule bestreiken. Den Journalist*innen durften wir jetzt sogar erzählen, wo wir schon überall auf der Welt mit dem Flugzeug waren. Die Schweizer Illustrierte verteilte Rosen an die Jugend.

Es lief eigentlich ziemlich gut, immer mehr Menschen kamen hinzu, jetzt auch ältere. Viele Ältere regten sich auch über uns auf, also vor allem Männer – weisse Männer. Irgendwie löste diese von jungen Frauen* angeführte Bewegung bei denen einen Alarmknopf aus. Sie fürchteten um den Verlust ihrer Macht, ihrer Potenz. Darum wurden dieses Jahr wohl zum ersten Mal über eine Million SUVs in Deutschland verkauft.

In den heissen Monaten hatten wir ziemlich viel Spass, wir mieteten einen Sonderzug nach Aachen, weil’s dort so schön ist. Kohlegruben wurden blockiert und Möhren zertrampelt. Von Klima-Aktivist*innen! Diese Umweltzerstörung! Wir gingen langsam einigen ziemlich auf den Sack, vor allem weil wir ihre Pläne für so einen richtig schön fremdenfeindlichen Wahlkampf durchkreuzten. Sie versuchten’s dann mit Ökofaschismus, funktionierte aber nicht – noch nicht. Egal, ziemlich viele tote Bäume und ein paar Millionen weniger auf Blochers Konto, sonst brachte die Aktion nicht viel. Jedenfalls pissten wir sie an, also metaphorisch, und dann präsentierten wir nicht einmal selbst irgendwelche Lösungen. Wir begannen darum, den Klima-Aktionsplan zu planen.

Aber solche Lösungen ausarbeiten dauert eine Weile, das hat uns auch Sommaruga gesagt, wir haben bis heute nichts gesehen, dauert wohl noch eine Weile. Egal, einige von uns konnten nicht mehr warten und setzten sich vor eine Bank, das pisste die auch ziemlich an. Die Schweizer Illustrierte verteilte nun Kakteen an die Jugend. Sie haben wohl bemerkt, dass wir eventuell dieses System in Fragen stellen, also dieses System heisst Kapitalismus, aber das darf man nicht mehr sagen, so wie Voldemort.

Im Sommer trafen wir uns dann mit 400 Jugendlichen aus ganz Europa. Wir hatten eine echt gute Zeit, ausser die Blick-Journalistin, die musste reisserische Artikel erfinden. Nun haben wir ein tolles Manifest und ganz viele neue Freund*innen. Nach den Sommerferien waren Wahlen mit einem Links-Grün-was-weiss-ich-Rutsch. Jetzt haben wir jedenfalls Kampfjets für sechs Milliarden Franken und die Leute müssen zahlen, wenn sie nicht aus guten Gründen im Notfall landen. Die Klimagerechtigkeit wird im neuen Parlament grossgeschrieben, mit farbloser Tinte, wahrscheinlich aus Umweltschutzgründen.

Nach den Wahlen machten wir weiter wie bisher. Der Klima-Aktionsplan nahm Fahrt auf, an der Pressekonferenz waren die den Holocaust verleugnenden Aussagen eines frustrierten Mannes dann doch spannender. Die meisten Medien berichteten gar nicht darüber. Also schon, ein paar Wochen später. Sie geilten sich an dem Gedanken auf, dass der Klimastreik schon bald tot sein könnte, als ob wir nicht auch für ihre Zukunft kämpften. Wir hatten immer noch jede Woche zahlreiche Treffen, beim Kick-Off-Event zum Klima-Aktionsplan waren über 60 Wissenschaftler*innen anwesend und alle warteten nur darauf, ihre echt nicen Ideen in diesen Plan reinzupacken. Die im Juni gestarteten Treffen mit den Gewerkschaften trugen nun auch erste Früchte: Der VPOD deblockiert seine Streikkasse für den Strike For Future und der SGB ruft zum einstündigen Streik am 15. Mai auf. 

Die Welt war plötzlich nicht nur wegen des Klimas in Aufruhr. Auf allen Kontinenten, ausser der Antarktis, brachen Proteste gegen die Regierungen aus. Jahrzehnte der Ausbeutung durch den Neoliberalismus oder eine autoritäre Regierung haben ziemlich viel Wut in den Menschen angestaut. Menschen wurden erschossen im Irak, in Bolivien, im Sudan und in Rojava. Bei Rojava konnte der Klimastreik die Zusammenhänge aufzeigen und rief mit dem Frauen*streik und der Kurd*innen-Community zur Demo auf. Das mit der Intersektionalität im Klimastreik klappt aber nicht immer so gut, auch nach einem Jahr nicht. Die Angst ist zu gross, dass wir Menschen verlieren würden. Sich mit Bewegungen zu verbünden, die ebenfalls für ein Menschenrecht kämpfen, ist ja auch eine ziemlich kontroverse Angelegenheit. Egal, jetzt standen also nicht mehr nur die Wälder in Flammen, sondern auch Barrikaden in Hongkong und das Hauptquartier eines privaten Energiekonzerns in Chile. Die Weltklimakonferenz wurde vorsorglich nach Madrid verlegt.

An der COP25 kam nicht viel raus. Surprise! Wir Klimastreikenden hatten trotzdem eine gute Zeit. In diesen zwei Wochen lernten wir unglaublich viel über die Lebensumstände anderer Aktivist*innen und ihre Betroffenheit von der Klimakrise. Nach den Wahlen in Grossbritannien führten wir eine lange Diskussion über die Zukunft der Bewegung und der Menschheit. Diese war nicht besonder ermutigend, hatten wir doch dieses Jahr bereits die Wahlen in Australien und Kanada an Vertreter (jap, nur Dudes) der Öl-, Gas- und Kohlelobby verloren. Nun ist auch Grossbritannien für fünf weitere Jahre in den Händen einer kleinen asozialen, reichen, rassistischen Elite, die so besorgt um die Umwelt ist wie um die öffentlichen Schulen, also gar nicht.

Ja, 2019 war, nun ja, durchzogen. In einem Film würde jetzt epische Musik abgespielt werden, Al Gore würde ins Bild treten und uns mit kräftiger Stimme aufzeigen, wieso es immer noch Hoffnung gibt. Die inconvenient truth ist aber, dass zurzeit nichts für uns spricht. Mit konstant bleibenden Emissionen ist das Kohlenstoff-Budget in 8,5 Jahren aufgebraucht. Auch dieses garantiert uns nur eine 66-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass wir unter 1,5°C globaler Erwärmung bleiben. Die Pläne der Kohle-, Öl-, Gas-, Agrar-, Finanz-, Bau- und Luftfahrtindustrie sind allesamt auf Expansion ausgelegt. Kein einziges Land hat bis anhin genug ambitionierte Klimaschutzmassnahmen präsentiert. Der UN Emissions Gap Report und die Spezialberichte des Weltklimarats zeigen deutlich auf, dass wir nicht auf Kurs sind und welch verheerende Folgen der ungebremste Ausstoss von THG-Emissionen haben wird. In der Schweiz hat die SNB deutlich gemacht, dass sie sich nicht in der Verantwortung sieht und die Credit Suisse bereitet den Börsengang von Saudi Aramco vor. Dies ist die aktuelle Situation. 

Mit dieser Ausgangslage starten wir ins Jahr 2020. Wenn wir es wirklich ernst meinen mit dem 1,5°C-Ziel, dann haben wir noch ein verdammt kleines Zeitfenster, um dieses zu erreichen. Wenn wir unser weiteres Vorgehen beschliessen, müssen wir brutal ehrlich sein mit uns selbst. Alle Mächtigen dieser Welt haben sich zu den Klimastreiks geäussert, die Meinungen sind bei diesen Menschen gemacht. Die Verhandlungen an der Weltklimakonferenz verliefen genau gleich wie vor einem Jahr, komplett unbeeinflusst von unserem Protest. Auch die Medien konnten sich fassen und die Klimakrise ist wieder auf die Wissenschaft-Seite in den Zeitungen verbannt worden. In allen einflussreichen Staaten dieser Welt finden nächstes Jahr keine Wahlen statt, ausser in den USA, doch Trump sitzt weiterhin sehr sicher im Sattel. Eventuell löst sich die GroKo in Deutschland auf, doch eine linke Mehrheit zeichnet sich auch dort nicht ab. Wenn wir nicht wertvolle Jahre im Kampf gegen die Klimakrise verlieren wollen, dann muss der Wandel ausserparlamentarisch erfolgen. 

Für die nötige Durchschlagskraft brauchen wir eine weltweite Einheitsfront aller existierenden Kämpfe. Auch der Kampf gegen die Klimakrise ist wie jeder andere Kampf eine Frage der Machtverteilung. Eine Gruppe bestimmt über das Leben einer anderen Gruppe. An der Klimakonferenz waren wir Klimastreikenden uns einig darüber: Wir müssen die Kämpfe des globalen Südens, der Frauen*, der Jugend, der Arbeiter*innen, der Queers, der Migrant*innen und aller anderen unterdrückten Gruppen verbinden. Dies ergibt aus inhaltlicher und strategischer Sicht Sinn. Klar, wir werden gewisse Personen verlieren. Wahrscheinlich einen Teil der höheren, gebildeten Mittelschicht, also die, die GLP wählen, doch dieser Verlust ist nicht besonders schmerzlich, da die neoliberale Sozialpolitik alles andere als klimagerecht ist und gerade Anhänger*innen einer reformistischen Politik bisher im Weg standen, dass ein Schulterschluss mit dem Frauen*streik immer noch nicht erfolgte. 

Am 15. Mai haben wir die erste Möglichkeit, als eine breit aufgestellte Front für Klimagerechtigkeit, bestehend aus der Klimabewegung, Frauen*bewegung, Arbeiter*innenbewegung, Landwirt*innen, Migrant*innenorganisationen und religiösen Verbänden, aufzutreten. Mit starken Kollektiven und einem Klima-Aktionsplan, der eine realistische Utopie aufzeigt, können wir die Grundlagen einer Gesellschaft legen, welche demokratischer und ökologischer als die bestehende Ordnung ist. 

Wenn der 15. Mai ein Erfolg wird, stellen wir die Machtstrukturen, zumindest in der Schweiz, in Frage, nicht gerade grundlegend, doch einen solch breiten Widerstand gegen die bestehende Politik erlebte die Schweiz zuletzt wohl 1918 während des Generalstreiks. Dieses Umstands müssen wir uns bewusst sein und uns darauf vorbereiten. Bisher haben wir die Mächtigen in diesem Land nicht direkt angegriffen. Die Medienkonzerne waren uns bis anhin gut gesonnen, doch wir müssen uns im Klaren sein, dass, sobald wir dieses System ernsthaft in Frage stellen, die Berichte über uns hässlicher und brutaler werden. Nach der Pressekonferenz zum 15. Mai probte der Tages-Anzeiger diese Schmähkampagne gegen uns zum ersten Mal – durchaus mit Erfolg.

Vor einiger Zeit haben wir beschlossen, dass #by2020WeRiseUp unser Motto für 2020 und dass der 15. Mai ein Zwischenschritt zum Generalstreik ist. Wenn wir diesen Beschlüssen gerecht werden wollen, müssen wir uns der jetzigen Situation auf der Welt bewusst und darüber im Klaren sein, was unsere Handlungen auslösen oder eben nicht auslösen. 

Trotz dieser durchaus tragischen Lage dürfen wir die Hoffnung auf eine gerechte, friedliche, ökologische Gesellschaft nicht verlieren. Du und ich, wir sind nicht alleine, wir sind viele. Wir dürfen nie vergessen, dass, wer für die Menschheit kämpft, immer auf der richtigen Seite steht. Und wir kämpfen für die Menschen. 

Auf in ein revolutionäres 2020!

Angaben zum Autor

Jonas Kampus (18) ist Kantonsschüler und aktiv im Klimastreik beim Strike For Future, der Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften, dem Klima-Aktionsplan, der Medienarbeit und der globalen Koordination