Einige Gedanken zu unserer Bewegung

System, Macht, und an was wir eigentlich gerade denken sollteN

Dieser Text ist eine Vereinfachung der individuellen Gedanken des Autors, repräsentiert KlimaStreik Schweiz in keinster Weise und soll lediglich ein Denkanstoss sein.

Vor einigen Monaten wurde in der Schweiz eine Lawine ausgelöst.  Einiges wurde schon erreicht, trotzdem stehen wir erst am Anfang. Wir möchten die Klimakrise stoppen, darüber sind wir uns einig. Wie wir dies erreichen sollen, darüber gehen die Meinungen dann aber auseinander. Einige denken, dass dies nur mit einem grundsätzlichen, kompletten Wandel unserer Gesellschaft geschehen kann und wir darauf hinarbeiten sollten. Einige denken, dass mit einigen weitgehenden und entschiedenen Veränderungen bereits schon genug erreicht werden kann. Bei anderen weiss man nicht, ob sie sich überhaupt über diese Frage Gedanken machen.

Was sehr schnell klar werden sollte, ist, dass wir uns erst fragen müssen, ob wir überhaupt schon an einem Punkt sind, an dem wir uns bereits so intensiv mit diesen Fragen auseinandersetzen können. Denn: Während einige sich fragen, wie man jetzt endlich das Chat-Chaos löst, freuen sich andere darüber, wie radikal viele in der eigenen Bewegung bereits sind. Einige versuchen, gratis Chips und Getränke an der Demo anzubieten, andere wettern gleichzeitig gegen die Regierung, die sicher in ihren Büros sitzt und aus Angst die Rollläden der Credit Suisse runterlässt. Während einige für die gesamte regionale Gruppe anti-Hierarchie Treffen veranstalten, entscheiden andere fast eigenmächtig Sachen für und im Namen der ganzen Bewegung. Einige möchten dem Bundesrat bis Ende 2019 ein Ultimatum stellen , andere haben knapp mal eine Übersicht über die AGs in der eigenen Region. Im Moment könnten wir dem Umfang dieses Dialoges gar nicht gerecht werden. Dies wäre aber nötig – dieser Dialog müsste unabhängig von losen oder organisierten internen Gruppierungen stattfinden, die diesen (bewusst oder unbewusst) in ihre Richtung beeinflussen möchten. 

Zuerst, eine nüchterne Analyse

Zuerst sollte eine nüchterne Analyse stattfinden – über unsere Bewegung, intern sowie extern, aber auch über den Zustand und die Situation der Gesellschaft, in der wir uns befinden. Die oben genannten Beispiele  sollten mindestens dazu anregen, dass ein Augenmerk auf die starken Diskrepanzen bezüglich der organisatorischen Fähigkeiten gerichtet wird. Die verschiedenen «ideologischen Durchschnitte» in den Regionalgruppen weisen übrigens – unter anderem – auf einen typisch Schweizerischen Röstigraben hin, der im weiteren Vorgehen definitiv nicht ausser Acht gelassen werden darf. Auch nach einer detaillierteren Betrachtung der Demografie innerhalb der Bewegung wird schnell klar, dass es bezüglich der Bevölkerungsgruppen, die wir gerne einbeziehen möchten, wohl doch noch Nachholbedarf herrscht; denn: hauptsächlich SchülerInnen und StudentInnen zu mobilisieren, wird kaum reichen, um nachhaltig etwas zu erreichen. 

Weiter haben sich seit diesem neusten ‘Aufbegehren der Jugend’ in der Schweiz im Handumdrehen Dutzende verschiedene «4Future» Gruppierungen gebildet – Eltern, Bauern, Lehrer, die Liste wird jeden Tag länger. Die Vernetzung zwischen den neuen Bewegungen, aber auch mit bestehenden Organisationen kommt beständig, aber leider doch nur schleppend voran. Einige Bevölkerungsgruppen sind noch gar nicht in unserem Sinne mobilisiert. Sowieso könnte diese organisatorische Aufteilung dieser Gruppierungen, die doch alle in die gleiche Richtung gehen, später zu einem fatalen Verhängnis werden. 

Auf der politischen und gesellschaftlichen Ebene hingegen kann die Schweizer Bewegung, im Gegensatz zu vielen anderen nationalen Mitspielern, bereits auf beträchtliche Erfolge pochen. Sogar in den Kaffeepausen der dreckigsten Unternehmen ist mindestens das Fehlen der SchülerInnen in der Schule, aber auch die Klimakrise plötzlich ein salonfähiges Thema. In persönlichen Gesprächen mit UBS Mid-Level Managern war es ein leichtes, ein konstruktives Gespräch über die Klimakrise zu führen und sie von dem Notstand zu überzeugen. Die verschlafene Schweizer Politlandschaft gibt wenig unerwartet das üblich mickrige Bild ab – die Suche nach der “grünen Vergangenheit” oder die Heimsuchung durch “rote Albträume” hat begonnen. 

Eine Weiterentwicklung der Kapazitäten

Die Klimakrise ist eine der grössten Herausforderungen für die Menschheit (ein grundlegender gesellschaftlicher Wandel wäre das übrigens auch). Um diese zu bewältigen, braucht es entsprechende Kapazitäten und Fähigkeiten. Falls wir weiter nur einige Zehntausende Menschen auf die Strasse bringen – bei vielen hört das Engagement da auch schon wieder auf – sind wir wohl noch weit davon entfernt, die beispiellose gesellschaftliche Mobilisierung zu erreichen, die für die Abwendung der Klimakrise nötig wäre.

Als erstes wäre es nötig, die internen organisatorischen Schwachstellen auszubessern, damit wir überhaupt richtig funktionieren können. Als nächster Schritt sollte dann die systematisch und zielgerichtete Vergrösserung unseres Einflusses und unserer Bewegung in mehr verschiedene Bevölkerungsschichten, aber auch geographische Orte anstehen. Wenn wir nicht in mindestens jedem grösseren Örtchen eine Lokalgruppe haben, die den Gemeinderat mit dem Klimanotstand nervt, bleibt jegliche Veränderung nur ein ferner Traum. Dass für diese Ziele auch ein von der benötigten Masse tragbares Image gebraucht wird, sollte auch schnell klar werden. 

Es wird Zeit, die Bewegung mit einer gemeinsamen Stossrichtung auf das nächste Level zu bringen. Unsere Strategie sollte realistisch ausgelegt sein und sich für eine Eskalation und Radikalisierung der Methoden Zeit nehmen – wir sollten uns auf einen langen Kampf einstellen. Unter anderem könnte der Ablauf des Jahres 1918 in der Schweiz und die Erfolge – aber vor allem auch, die Fehler – des Olteners Aktionskomitee als wichtige Inspiration und Lehre dienen. Dabei sollte klar sein, dass die Methode des Massenstreiks und direkter Konfrontation mit dem Staat nach 4 Jahren Weltkrieg wohl kaum in der heutigen Situation funktionieren kann – dafür braucht es doch eine grundlegend andere Startsituation. 

Die Systemfrage ist eigentlich eine Machtfrage

Um doch noch darauf zurückzukommen: Wir müssen uns bewusst sein, dass es sich bei der Systemfrage im Grundsatz nicht um eine Frage des ‘Systems’ handelt, sondern um eine Frage von Macht. Das System ist nur ein Teil davon – es bestimmt, wie die Macht verteilt ist. Die nächste Frage ist dann: In welche Richtung ziehen die jetzigen Machtinhaber? Dann: wie viel Macht haben wir jetzt, und wie kommen wir an mehr davon? Diese äusserst komplexen Fragen müssen als Diskussionsgrundlage für das zukünftige Vorgehen unserer Bewegung dienen und liegen auch jeglicher Systemdiskussion zugrunde, ob von uns gestartet oder von anderen Gruppierungen angeregt. 

Es muss sich erst noch zeigen, inwiefern die heutigen Machtverhältnisse mit der Klimakrise umgehen können. Teilweise sind sie für dessen Entstehung verantwortlich. Jeglicher Aufwand zur Bekämpfung und Lösung der Krise wurde bisher bestenfalls nur halbherzig geführt, falls überhaupt. Es gibt die, die mit dieser Situation unzufrieden sind, andere sind damit zufrieden – die meisten haben vermutlich noch nicht gemerkt, dass es ein Problem gibt.

Eine bewusste Veränderung dieser Machtverhältnisse ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Unsere Bewegung muss hier als ‘Lieferant’ fungieren. Wir liefern motivierten Menschen einen Rahmen, in dem sie sich organisieren können. Wir müssen der Gesellschaft und der Politik eine neue Sichtweise und Lösungen liefern, die umgesetzt werden können, sowie Motivation, diese Fragen anzugehen. Wir müssen der Öffentlichkeit einen neuen Diskussionsrahmen geben, in dem der dazu nötige partizipative Prozess stattfinden kann – etwas in dieser Art ist heute in der Schweiz inexistent. Vorher jedoch gibt es – leider – andere Sachen, die wichtiger sind. Um als Endziel ein Leben in Harmonie mit der Natur und unseren Mitmenschen zu erreichen, darf kein Schritt überstürzt gemacht werden. 

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Zu Systemfrage ist eine Machtfrage: Ganz wichtig finde ich dabei die Ideologie Frage: Die Ideologie (Wirtschaftswachstum ist notwendig und schafft Arbeitsplätze dafür muss konsumiert werden) ist sehr stark verankert in der Gesellschaft. Sie zu hinterfragen ist immer noch so ketzerisch wie früher die Kirche zu hinterfragen. Dies wiederum zementiert das Machtgefüge. Dies obschon es ja total logisch ist, dass permanentes Wachstum in einem begrenzten Raum nicht möglich ist.

  2. Hallo, da muss ich doch einiges erwidern, Ich hoffe bloss, dass der Platz dafür reicht. Ich glaube dir, dass du intelligent und gebildet bist, Aber deine Abhandlung erinnert mich doch sehr an die 68er, mit dem Unterschied, dass damals die Zeit für neue Konzeptentwürfe, kreative Revolutionen war , um die vergangenen Strukturen aufzubrechen. Jetzt hingegen geht es um nichts geringeres, als ums Überleben; von Pflanzen, Fischen, Tieren, Insekten und einer Menge Menschen. Was zu tun ist, erschließt sich aus den Sachzwängen, die Frage ist bloss, ob es erst richtig krachen muss, bis die Menschheit lernt, oder ob wir vorher die Kurve kriegen. Dass die Menschheit überlebt, erscheint mir wahrscheinlich, bloss, wieviel gehn drauf? Es kann nicht an uns einzelnen liegen, Gesamtkonzepte zu entwerfen, die auch noch mehrheitsfähig sein sollen. Den Wandel detailliert zu planen, ist so zum scheitern verurteilt, als würdest du dein Leben oder deine Beziehung zu planen versuchen; das geht nicht, weil weder dein Leben noch deine Beziehung schon stattgefunden haben, sondern sich eben erst entwickeln, also noch unbekannt sind und sich dauernd verändern.
    Was heisst das nun für Klimastreik?
    Es braucht keine lokalen Splittergruppen in kleindörfern, die plakatschwenkend hinter Polizeiautos hermarschieren. Es braucht Druck! Infos! Aktionen, Präsenz!
    Dass die wirkliche Krise bewältigen einen Systemwandel bedingt, ist vielen klar. Dass der Kapitalismus, mindestens in der jetzigen Form, überwunden werden muss, liegt auf der Hand und, vor allem, in der Sache begründet. (Immer mehr…)
    Doch was heisst Druck erzeugen? Unser Rechtssystem basiert nicht unwesentlich auf Besitzstandsschutz. Also kann das Überwinden des “Immer mehr” nicht ohne Konflikt mit unserem Rechtsverständnis passieren.
    Die Demos haben es bis jetzt ja mehrheitlich nicht mal in die Presse geschafft, geschweige denn in öffentliche Diskussionen.
    Ich will hier nicht zu Gewalt aufrufen! Aber wir alle wissen, dass Verbrennungsmotoren uncool sind, dass die Landwirtschaft umgebaut werden muss, dass Erneuerbare gefördert werden muss, dass Plastik verringert werden muss, dass Klimagerechtigkeit nicht einfach sozial nett ist, sondern Bedingung, um die ganze Welt zu gewinnen.
    Um es mal für die Masse verständlich auszudrücken: Gut ist, was das Leben fördert, schlecht ist, was das Leben verhindert.
    Benzinautos verhindern Leben, Windräder fördern viel mehr leben, als sie verhindern etc.
    Dahin wird Druck zielen müssen! Demos sollen Strassen besetzen, wenigstens solange, bis man gewaltsam vertrieben wird. Ölmulti’s in Vevey und so dürfen ruhig etwas Probleme bekommen, ihre Geschäfte in Ruhe verrichten zu können, etc.etc.
    Lasst das super-organisieren leicht werden: auch der Biohandel brauchte Zeit…Organisieren können wir, wenn es um konkrete Maßnahmen geht, doch erstmal muss die Politik (auch als Mehrheitsbeschluss) den Klimanotstand wirklich verankern!
    Liebe Grüße
    Fred

  3. Wie wahr wie wahr… und dennoch schließt das eine das andere nicht aus, finde ich.
    Zusammen schaffen wir das. Mit vereinten Kräften aber auch wie angesprochen auf verschiedenen Ebenen und mit zunehmendem Druck. Klare Forderungen und gar Ultimati müssen folgen, befürchte ich. Gemeinsam wird es uns gelingen, das weiss ich. Die Frage bleibt höchstens wann und noch für wie viele?

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